22 Tage später.
Inzwischen habe ich einige Gefühle durch. Ich starre nicht mehr die Stelle des Sofas an, wo sein Hintern die Federn ausgeleiert haben. Es ist nicht mehr so heftig, dass ich nach dem Sport nach Hause komme und es riecht nicht nach Chickenwings.
Ich komme derzeit nach Hause und komme halt zu mir, in die verwahrloste chaotische Waschbärwohnung.
Am Samstag hatte ich Geburtstag. Eine Kollegin schrieb belustigt auf meinen WhatsApp-Status. Ich hatte bei der Diashow am Donnerstag mit Farin Urlaub ein Urlaub-Autogramm in eine Geburtstagskarte erhascht und mir selbst geschenkt. Geniestreich aber emotional ein Grenzgang. Auf der Rückfahrt saßen wir in der Straßenbahn und sprachen über "Sonne" von Farin Urlaub.
Ein Lied wie die Faust aufs Auge.
So präzise, dass ich es einfach bei Verschlechterung in den Status gesetzt habe und irgendwie jeder wusste, was los war. Am Tag selbst war es "Watching over me" von Iced Earth. Ja klar. Aber vorher dieses Lied.
An dem Morgen schrieb sie "Bewundere das schöne Geburstagswetter. Er wünscht dir, dass die Sonne für dich scheint.".
Meinte sie Farin oder meinte sie Philipp?
In meinem Kopf war das beides valide und es traf mich. Ich ließ das Handy sinken und mir lief es in den Augen zusammen. Insgesamt war der Tag missglückt, weil ich missglückt war. Ich hatte enorme emotionale Schwankungen und tiefe Stürze. Und auch heute sollte ich stürzen. Aber zwischenzeitlich ergab es sich noch, dass einer meiner drölfzigtausend Alarme losging, die mich durch den Alltag navigieren sollten und inzwischen ähnlich wie das Steißbein ein Rudiment darstellten und einfach so halt klingelten.
14:05 Uhr und es lief Sonne.
Ich erschrak und sah nach. Der Alarm bediente sich aus meinen Lieblingsliedern ganz willkürlich und heute entschied er sich für Sonne.
Wildes Interpretieren.
Ein lieber Gruß? Ein stummer Vorwurf aus dem Jenseits oder doch simpel Zufall wie nun mal vieles Zufall ist?
Egal. Ich steigerte mich in Gefühle. In Traurigkeit, Verlust, Zorn über mich selbst, weil ich mir zuletzt klar wurde, dass ich ja doch noch Gefühle wie Freude, Lust und so verspürte.
Trauerte ich falsch? War es ok jetzt schon andere Menschen hübsch zu finden? War es ok sich zu freuen?
In meiner Welt nein. Der innere Kritiker ist so tief in mir verwurzelt, dass es keinen eigenen Namen für ihn geben muss. Wenn die Stimme mir Dinge vorwirft, dann sagt mein inneres Kind nicht "Oh nein, ich bin trauuuurig!!", sondern es schreit "Du hast Recht! Was soll ich tun? Bluten? Blaue Flecke? Klaro!!". Und es weint. Es ist auch traurig.
Es ist ein bizarrer Zustand zwischen Trauer, Vorfreude, Panik.
Ist Philipp nicht mehr ausreichend präsent in meinem Leben? Müsste ich trauriger sein? Ist es wirklich okay am Leben teilnehmen zu wollen? Wo war die Suizidalität hin?
Unglaublicherweise beruhigt es mich, wann immer ich merke, dass ich doch noch einen Knacks habe. Als ob es mir helfen würde, damit ich weiß wer ich bin. Zumindest aktuell.
Erste mögliche einer neuen Persönlichkeit (Tod von Partner*innen sind auch ein Verlust der Identität sagt die Wissenschaft) sind zunehmender Veganismus, Zorn auf die Menschheit und Lust auf Neues. Albern. Als ob mich Philipp jemals darin behindert oder gehindert hätte. Hat er nie. Hätte ich alles vorher schon haben können. Und dann ist er wieder da, der Zorn.
Tag 11. Ich habe heute nicht geweint, ich war nur überfordert, ängstlich, einsam, gelangweilt, enttäuscht. Ich war überfordert mit dem Papierkram, der mir durch Philipps Tod im Haus steht. Ich war ängstlich, weil ich nicht wusste ob die Ärztin mich weiter krank schreiben wird. Einsam, weil ich nun mal alleine bin und Werktag jeder tut, was er tun muss. Da wird aus einem Telefonat schon einmal ein Tageshighlight, auch wenn es nur 5 Minuten sind. Gelangweilt, weil ich halt einfach nur Dinge mache wie "Waschen", "Müll raus", "Einkaufen" und Schwupps ist der Tag vorbei. Enttäuscht von mir selbst, weil ich nun mal nur ich bin und einfach der Chaot in der Beziehung war, der von nichts Ahnung hatte. Wo sind wir versichert? Wir sind aber versichert oder? Es fehlt noch das ekelhafte Gefühl, dass ich da zwei Leuten vor den Kopf gestoßen habe, die mir was Nettes wollten, aber die die falschen Begriffe gewählt haben in ihren Mails. "Wer weiß, ob wir so tapfer ...
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