Tag 11.
Ich habe heute nicht geweint, ich war nur überfordert, ängstlich, einsam, gelangweilt, enttäuscht.
Ich war überfordert mit dem Papierkram, der mir durch Philipps Tod im Haus steht. Ich war ängstlich, weil ich nicht wusste ob die Ärztin mich weiter krank schreiben wird. Einsam, weil ich nun mal alleine bin und Werktag jeder tut, was er tun muss. Da wird aus einem Telefonat schon einmal ein Tageshighlight, auch wenn es nur 5 Minuten sind. Gelangweilt, weil ich halt einfach nur Dinge mache wie "Waschen", "Müll raus", "Einkaufen" und Schwupps ist der Tag vorbei. Enttäuscht von mir selbst, weil ich nun mal nur ich bin und einfach der Chaot in der Beziehung war, der von nichts Ahnung hatte. Wo sind wir versichert? Wir sind aber versichert oder?
Es fehlt noch das ekelhafte Gefühl, dass ich da zwei Leuten vor den Kopf gestoßen habe, die mir was Nettes wollten, aber die die falschen Begriffe gewählt haben in ihren Mails. "Wer weiß, ob wir so tapfer gewesen wären".
Ich vermisse Philipp, aber irgendwie auch nicht? Ich weine nicht und das macht mir Sorgen, weil ich mich frage, ob ich herzlos bin. Zeitgleich machen mir ein paar Alltagsdinge auch etwas Spaß, weil es irgendwie ein wenig neu ist. Die erste eigene Wohnung und wie man sie wohl für sich gestalten kann. Quasi. Also ich verstehe, dass es mir Freude bereitet über die Einrichtung des Büros nachzudenken. Zeitgleich fühle ich mich natürlich schlecht. Wieso freue ich mich auf sowas? Es bleibt ja nichts mehr vom Leben übrig. Immer wieder denke ich daran, dass Philipp vom Besten ausging und nicht mit seinem Tod gerechnet hat. Naiv oder brilliant? Da ich gerade viele Probleme habe mit seiner Nachlassverwaltung, tippe ich auf naiv.
Die Ärztin meinte nun, dass es ja überraschend schnell gegangen wäre. Das er sich gefreut hätte, dass er doch noch mal auf das Konzert gegangen war. Auch wenn es ihm am Ende kalt geworden war. "Er hat versucht das Beste drauß zu machen!", sagte ich und sie korrigierte "Er HAT das Beste drauß gemacht.". Und damit klingt sie so wie ich, als ich ihn in der Mail verteidige. Sie sagte noch, dass es besser wäre, wenn alles "schneller vorbei wäre" und das diese Schwebe nicht gut wäre. Wahrscheinlich für alle. Es ist ein gutes und einfühlsames Gespräch, aber ich bin nun mal ich. Ich gucke ihr nicht in die Augen, eher sporadisch. Bin nervös weil ich Angst habe, dass sie mich arbeiten schickt. Gehe im Kopf schon Alles weitere durch.
Dann gehe ich einkaufen, plane Gerichte aus dem Stand (schlechtes Gewissen, weil regelmäßig Essen und Spaß am Planen meiner Vorstellung von "Arbeitsunfähig" widerspricht), gehe nach Hause und schaffe es Haushaltskram zu machen.
Wäsche waschen, Spülmaschine an, Finanzen noch einmal brav in eine Exceltabelle knallen.
Willkommen in meiner Bubble. Meiner kleinen geschützten Blase. Mir geht es hier nicht gut, aber ich komme schon irgendwie klar.
"Du meldest dich, wenn du was brauchst.". Vor allem hielt ich paranoid wie ich bin ihre Frage nach meinem Befinden zunächst für eine Finte. Ansonsten: Wie bequem. Man kann sich gut fühlen ohne dass man sich stressen muss. Die eine Kollegin bietet konkret an einzukaufen und Essen vor die Tür zu stellen. Die Andere bringt dir eine Überraschungstüte mit. Manche melden sich ab und an. Manche schicken dir ein Bild von etwas Nettem. Manche schreiben, dass sie an dich denken. Eine Tante habe ich abgewiegelt, weil sie telefonieren wollte. Ne. Neee! Aber danke. Keine Kritik. Naja... teilweise. Dann will der Eine gefühlt 24/7 Betreuung. Auch too much, aber irgendwie tut es gut, dass da jemand unbedingt da sein will. Die Einen melden sich gar nicht, nicht mal ein Smiley, ein Herz, ein irgendwas. Wahrscheinlich überfordert. Dabei bin ich gar nicht so anstrengend. Glaube ich. Eine interessante Phase eigentlich. Ich merke, dass der Schock bei den Anderen jetzt nachlässt. Bei mir se...
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